Rückblick auf das vergangene Nazi-Festival

Es war einer dieser Tage an die man mit den denkbar geringsten Erwartungen herangeht, obgleich man sich im Nachhinein eingestehen muss, auch damit noch zu optimistisch gewesen zu sein. Kein Wunder, wo doch ein Gros der involvierten Personen und Gruppen, ihre Tätigkeiten als bloßen Selbstzweck verstehen und eigentlich auch nicht so recht wissen warum sie das tun, was sie tun.

Die Rede ist hier natürlich vom 12. „Thüringentag der nationalen Jugend“, bzw. den „Gegenaktivitäten“. Hier zuerst einmal ein paar langweilige Zahlen, obwohl diese nicht, oder zumindest nicht unumstritten, das Langweiligste an diesem Tag waren:
In Kahla sollen um den 15. 06. 2013 herum knapp 2000 Polizisten im Einsatz gewesen sein, inklusive Hubschraubern, Wasserwerfern und Motorbooten, welche der Kleinstadt ein militärisches Flair verliehen. Davon abgesehen dass Einsatzkräfte zu Lande, zu Wasser und in der Luft anwesend waren, sollen die „Gegenaktivitäten“ von ungefähr 600 Leuten besucht worden sein. Auf Seiten der Nazis schließlich, waren ca. 150 gekommen, erwartet wurden 300.

Für die Nazis scheint dennoch festzustehen, dass der „Thüringentag“ trotz der geringen Teilnehmerzahl ein Erfolg war, auch wenn diese aller Wahrscheinlichkeit nach selbst ein 15-Leute-Treffen in feinster Goebbels-Manier in einen Sieg umgelogen hätten. Was jedoch am besorgniserregendsten ist, ist die Tatsache dass, abgesehen von den zu erwartenden Kahlaer Nazis, die auf den bis jetzt veröffentlichten Bildern als Festivalbesucher zu sehen sind, besonders die Akzeptanz der örtlichen Bürger gegenüber den Neonazis, für eben jene so positiv erwähnenswert ist. Leider ist an dieser Behauptung mindestens ein Fünkchen Wahrheit: So war in der unmittelbaren Zeit vor dem Thüringentag, die Angst vor „linken Gewalttätern“ eher für ein Stadtgespräch gut, als gegen „art- und kulturfremde“ Menschen hetzende Faschisten, die genau vor der eigenen Haustür tagen. Schon irgendwie komisch dass die, die doch so leidenschaftlich gern hier leben, ihren geliebten Heimatort ausgerechnet von Antifaschisten bedroht sehen. Diese Tatsache könnte Mensch glatt zu dem Schluss führen, latenten Nazisympathien unter den Kahlaern auf die Schliche gekommen zu sein, oder man klammert sich zumindest an die Hoffnung, dass die Nachbarn einfach nur ignorant und ungebildet sind. Unglücklicherweise bilden diese aber auch das Klientel, welches die Rattenfänger von rechts zu rekrutieren versuchen, indem sie den Leuten suggeriert sie sollen Menschen hassen die „anders“ sind, anstatt sich den Hass gegen sich selbst einzugestehen. Dumm nur, dass es diese Art Nazis hier schon mehr als genug gibt, Beispiele solcher Hauptschulabbrecher gibt es auf www.kahla-info.de zu bestaunen. Besonders anfällige Zeitgenossen treibt die Angst vor individueller Selbstentfaltung über kurz oder lang in eine solche braune Gang. Normalerweise könnte entsprechende Aufklärung dieses Risiko zumindest verringern, allerdings nur wenn Nazismus auch als solcher von der Umwelt behandelt wird. Und da ist der springende Punkt: in einer Dorfgemeinschaft wie Kahla, die von ihrem Nachwuchs unterschwellig verlangt, Sonderlinge erst einmal als potentielle Schädlinge für das Gemeinwohl zu betrachten, die rechtsmotivierte Jugendliche allerdings nicht in diese Kategorie einordnet, scheint jeder Versuch dagegen zu halten schon vorher gescheitert zu sein, bzw. können nur Leute überzeugt werden, die eigentlich vorher schon überzeugt waren. Das hat sich auch am vergangenen Samstag gezeigt: die meisten der Kahlaer Einwohner, die bspw. kurz an der „Meile der Demokratie“ vorbeischauten, waren auch wieder so schnell weg wie sie gekommen waren, spätestens jedoch als begriffen wurde, dass sich der einzige Bierstand an diesem Tag auf dem Gries befand. Soll ja aber keinen kümmern, schließlich kann man dem Nachbarn mitteilen dabei gewesen zu sein und sich selbst noch ein gutes Gewissen einreden. Was die restlichen 364 Tage so alles im Heimatort passiert, dass die Nazis da genauso präsent sind, interessiert ja auch keine Sau. Irgendwie können einem die Auswärtigen etwas leid tun, die glaubten in Kahla sei tatsächlich etwas zu holen. Während die einen ihr standardisiertes Programm der Menschenblockaden durchzogen, setzten die anderen auf Volksfeststimmung. Alle wirkten jedoch so, als wären sie im Vorfeld den verharmlosenden Artikeln und Kommentaren der Lokalpresse auf den Leim gegangen, die Kahla um Gottes Willen nicht als „braunes Nest“ verstanden haben wollen.

So lapidar die Forderungen nach Toleranz und Weltoffenheit auch klingen mögen, sobald sie lediglich aus leeren Worthülsen bestehen und quasi nur aus selbstbestätigender Absicht gestellt werden, sind sie von vornherein zum Scheitern verdammt. Wenn sie von einer Gemeinschaft mit derart festgefahrenen Wert- und Moralvorstellungen verlangt werden, dann müssten sie mindestens ihrem eigenen Begriff gerecht werden, um wenigstens eine minimale Chance der Verwirklichung für sich beanspruchen zu können. Es sollte zumindest hinterfragt werden, ob die Gemeinschaft mit der man für eine humane Gesellschaft kämpfen möchte, auch bereit dazu ist in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten.